Vor 50 Jahren feierte Tiefkühlkost auf der Anuga Premiere
10.10.2005
Ein Pionier erinnert sich
Ganze sechs Firmen präsentierten auf der Anuga 1955 erstmals tiefgekühlte Lebensmittel und läuteten damit den Siegeszug der Warengruppe Tiefkühlkost ein. „Mister Frost“ war damals mit von der Partie.
„Seine fast animalische Beziehung zum Fisch hat er wohl mit der Muttermilch aufgesogen“, diese Worte fand ein langjähriger Weggefährte anlässlich der feierlichen Verabschiedung von Holger Simonsen in den wohlverdienten Ruhestand. Eine Charakterisierung, die auf einen der Pioniere der Tiefkühlkost ohne wenn und aber zutrifft. Denn: Mister Frost, wie ihn die Bild Zeitung 1991 in einem Beitrag zum Abschied nannte, wuchs als Sohn eines Heringsimporteurs auf. Anfang der 50iger Jahre kurbelte der Vater als Geschäftsführer der Hamburger Tiefkühlgesellschaft (HT) hierzulande auch das Geschäft mit
tiefgefrorenem Fisch an. „Geplant war das seinerzeit aber nicht“, erklärt uns Holger Simonsen heute unverblümt. Im Wohnzimmer seines Domizils nahe Hamburg vor alten Fotos und Broschüren sitzend, bringt der 75jährige die wahren Gründe für den Einstieg ins Frost-Geschäft auf den Punkt: „Eigentlich war die Hamburger Tiefkühlgesellschaft damals so eine Art Auffanggesellschaft und zwar für den Fisch, der nicht mehr auf Auktionen verkauft werden konnte. Für die sonst übliche Verarbeitung zu Fischmehl war meinem Vater die Ware zu schade.“
Nach seiner Ausbildung zum Kaufmann wurde Simonsen Betriebsleiter im väterlichen Unternehmen. Den letzten Schliff in Sachen
Fische und Frosten holte sich der Hamburger aber während eines einjährigen Studienaufenthalts in England. „Auf der Insel hatte man bereits reichlich Tiefkühl-Know-how und davon habe ich profitiert“, so Mister Frost.
1954 zurückgekehrt, übernahm er sogleich für alle westdeutschen Fischtiefkühlbetriebe die Verantwortung für die Exportaktivitäten nach Osteuropa – seinerzeit neben Österreich und der US-Army die wichtigste Absatzschiene für TK-Fisch. Mit Erfolg, denn Simonsen brachte einige lukrative Verträge, unter anderem in Polen, unter Dach und Fach und weckte so die Aufmerksamkeit von Josef Pankofer. Der war mit seiner Pankofer Tiefkühl I.G. zweifellos einer der Wegbereiter im Tiefkühlgeschäft und der erste, der ein kleines TK-Sortiment feilbot. Unter der Marke JOPA vermarktete der Bayer vornehmlich in Österreich, Osteuropa und der ehemaligen Ostzone
Gemüse, Fisch sowie Masthähnchen. Daneben hatte er Eiskrem für den heimischen Markt im Angebot. Pankofer erkannte das Talent von Simonsen und konnte ihn zu einem Wechsel in sein Unternehmen bewegen, wo er zunächst für die Auslieferungslager verantwortlich zeichnete.
Sechs Unternehmen machten den Anfang
Der agile Rentner zeigt uns einige Schwarz-Weiß-Bilder aus dieser Zeit und seine Gestik lässt erahnen, dass es sich dabei um ganz besondere Erinnerungsstücke handelt. „Diese Fotos entstanden im Herbst 1955 auf der Anuga, etwa ein halbes Jahr nach meinem Einstieg bei Pankofer. In jenem Jahr wurde erstmals Tiefkühlkost auf dieser internationalen Ernährungsmesse ausgestellt“, offenbart Simonsen. Ganze sechs Firmen, die Grönland GmbH, die Hamburger Tiefkühlgesellschaft, die Pankofer Tiefkühl I.G., die Internationale Frischhandels-Company, die Kühlfisch Wesermünde GmbH und The Icelandic Freezing Plants Corp., Continental Export Center GmbH versuchten damals den Einkäufern des Handels Tiefkühlware schmackhaft zu machen. Ohne Erfolg, wie der Pionier zu berichten weiß. „Die Einzelhandelsvertreter zeigten keinerlei Interesse für unser Sortiment oder für die Produkte der Konkurrenz. Und wenn wir jemanden zu einem Gespräch animieren konnten, kam sehr schnell die Frage, ob wir auch die notwendigen Tiefkühltruhen bereitstellen könnten.“ 50 Jahre später und um sehr viel Erfahrung reicher, bringt Simonsen die Ursachen für diesen Reinfall auf den Punkt: „Wir haben damals fast alles falsch gemacht. Dem Publikum konnten wir zwar unsere
Verpackungen, nicht aber Ware präsentieren. Dabei wäre eine Verkostungsaktion ausgesprochen wichtig gewesen, um die kritischen Fachbesucher zu überzeugen. Fast schon abschreckend war unser Stand, denn der erinnerte eher an eine Festung.“ Dennoch brachte die Anuga 1955 auch etwas Positives, denn Pankofer konnte einige Verträge mit Distributeuren wie Otto Wirfs und Gabriel Becker abschließen, die das Geschäft in den darauffolgenden Jahren weiter voranbrachten.
Trotz aller Startschwierigkeiten gingen von der Anuga 1955 wichtige Signale aus, die den Siegeszug der Warengruppe Tiefkühlkost einläuteten. Denn: Noch im selben Jahr begann beispielsweise der Geschäftsführer der Edeka-Zentrale in Hamburg mit dem Aufbau einer eigenen Tiefkühlabteilung. „Die Edeka war auch Initiator der so genannten Köln-Bonner-Tests“, berichtet Simonsen. „Dabei präsentierte man den Einzelhandelskaufleuten der Genossenschaften im Rahmen lokaler Ausstellungen Tiefkühl-Produkte. Außerdem hatten sie die Gelegenheit, Tiefkühltruhen zu kaufen.“
Nur ein Jahr später bereitete ein Zufall das Fundament für einen weiteren Meilenstein in Simonsens Karriere. Ein Mitarbeiter des Frankfurter Flughafens gab dem Hamburger den entscheidenden Tipp. „Seinerzeit konnten Angehörige der US-Army, die eine Familie mit mehr als vier Kindern hatten, zum Heimaturlaub in die USA ausfliegen“, so Mister Frost. „Den Reisenden musste allerdings, so die Verträge, nach jeweils sechs Stunden Reisezeit eine warme Mahlzeit gereicht werden, was während der Zwischenstopps in der irischen Stadt Shannon und anschließend im neufundländischen Gander geschah.“ Eine für die Fluggesellschaften zweifellos zeitaufwändige und komplizierte Prozedur. Simonsen erkannte die Chance und machte den Fluggesellschaften das Angebot, für sie Bordverpflegung in Form von tiefgekühlten Fertiggerichten in Aluschalen zu produzieren. Damit rannte er wahrlich offene Türen ein. In Kooperation mit dem Münchener Park Hotel stellte Pankofer fortan auch Komplettmenüs her – das war hierzulande wohl die Geburtsstunde der Tiefkühl-Fertiggerichte.
Dass man mit Hilfe tiefgekühlter Menüs innerhalb kurzer Zeit auch eine große Anzahl „hungriger Mäuler stopfen kann“ stellten Simonsen und sein Team 15 Jahre später eindrucksvoll unter Beweis. Durch eine Reihe von Unternehmensübernahmen und Fusionen zwischenzeitlich bei Langnese-Iglo gelandet, zeichnete der Hamburger 1972 verantwortlich für die Verkostung des so genannten Kurzzeitpersonals bei den Olympischen Spielen in München. Dabei galt es täglich ein Großteil der immerhin 36.000 Mitarbeiter, darunter Hostessen, Sanitäter und Stadionordner, zu versorgen. „Das war für uns eine Riesenaufgabe, aber wir haben sie mit viel Engagement und Fleiß gemeistert“, konstatiert Holger Simonsen voller Stolz.